Nachtzug nach Wien
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„Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund eines umgestürzten Baumes auf der Strecke verzögert sich unsere Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.“
Die Durchsage kam um zehn nach zwölf, und sie kam zweimal, einmal auf Deutsch und einmal in einem Englisch, das so müde klang wie ich mich fühlte. Der Zug stand. Draußen peitschte Regen gegen die Scheibe, und hinter dem Regen war nichts, kein Bahnhof, kein Licht, nur ein schwarzer Waldrand, der sich im Wind bog.
Ich bin Daniel, 41, Orgelbauer. Ich war auf dem Weg nach Wien, wo in einer Kirche im dritten Bezirk eine Orgel aus dem Jahr 1890 auf mich wartete, die seit einem Wasserschaden nur noch röchelte. Ich fahre gern Nachtzug. Man steigt abends in Hamburg ein, schläft, und wacht in einer anderen Stadt auf, als hätte jemand die Welt über Nacht umgebaut. Ich hatte mir ein Einzelabteil im Schlafwagen gegönnt, mit einem richtigen Bett, einem kleinen Waschbecken und einer Tür, die man abschließen konnte.
Schlafen konnte ich trotzdem nicht. Ein stehender Zug ist lauter als ein fahrender, weil man plötzlich jedes Geräusch hört: das Knacken der Wagen, das Rauschen der Lüftung, den Wind. Also zog ich einen Pullover über, nahm die halbe Flasche Grünen Veltliner, die ich mir für Wien aufgehoben hatte, und ging hinaus auf den Gang.
Sie stand schon da.
Eine Frau in einem übergroßen grauen Wollpullover, die Stirn fast an der Scheibe, die Hände um einen Pappbecher mit Tee gelegt. Dunkle Haare, zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt, aus dem sich Strähnen lösten. Barfuß in Wollsocken. Als sie mich hörte, drehte sie sich um und hob den Becher wie zu einem Toast.
„Willkommen im Club der Schlaflosen“, sagte sie. „Mitgliedsbeitrag: eine gute Geschichte.“
„Ich habe keine gute Geschichte. Aber ich habe Wein.“
Sie sah auf die Flasche, dann auf mich, dann wieder auf die Flasche. „Das gilt auch.“
Sie hieß Ilka, war 38 und Bühnenbildnerin. Sie fuhr nach Wien, um an einem Theater die Kulissen für eine Oper zu bauen, und sie erzählte davon mit den Händen, so wie Menschen erzählen, die mit den Händen arbeiten. Wir standen am Gangfenster, tranken den Veltliner aus ihrem Teebecher und meinem Zahnputzbecher, und draußen tobte der Sturm.
„Orgelbauer“, wiederholte sie. „Das gibt es noch?“
„Weniger als Bühnenbildnerinnen, fürchte ich.“
„Und was macht ein Orgelbauer genau?“
„Zuhören, vor allem. Jede Pfeife muss mit den anderen zusammenklingen. Wenn eine nicht stimmt, hört man es nicht sofort. Man spürt es erst. Wie einen Zahn, der wehtut, bevor man weiß, welcher.“
Sie lachte. „Du bist der erste Mann, der mir je von seiner Arbeit erzählt hat und dabei einen Zahnarztvergleich benutzt.“
„Ist das gut oder schlecht?“
„Das weiß ich noch nicht.“ Sie trank, und ich sah, wie sie mich über den Rand des Bechers musterte. „Aber es ist nicht langweilig.“
Wir redeten über Wien, wo wir beide schon oft gewesen waren und doch nie gemeinsam irgendwo. Über Kirchen, die nachts anders klingen als tagsüber. Über ein Bühnenbild, das sie einmal aus vierhundert alten Türen gebaut hatte. Irgendwann kam der Schaffner vorbei, ein großer Mann mit grauem Schnurrbart, der uns ankündigte, dass es „mindestens zwei Stunden, eher drei“ dauern würde, und uns mit dem Blick eines Mannes ansah, der in seinem Leben schon viele Gänge und viele Flaschen gesehen hatte. „Gute Nacht, die Herrschaften“, sagte er, und es klang, als würde er uns eine sehr spezielle Art von guter Nacht wünschen.
Ilka sah ihm nach und biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen.
„Hat er gerade …?“
„Ich glaube, ja.“
Wir lachten beide, leise, wegen der anderen Abteile, die Köpfe zusammengesteckt. Und als wir aufhörten zu lachen, waren unsere Köpfe immer noch zusammengesteckt. Ich roch ihren Tee, ihre Haare, den Wein. Draußen fuhr eine Böe gegen den Zug, und der ganze Wagen schwankte kurz, und ihre Schulter stieß gegen meine.
Sie wich nicht zurück.
„Darf ich dich was fragen?“, sagte sie leise.
„Alles.“
„Bist du mit jemandem zusammen?“
„Nein. Seit zwei Jahren nicht mehr. Du?“
„Nein.“ Sie drehte den leeren Becher in den Händen. „Ich frage nur, weil ich gerade überlege, ob ich dich küssen soll, und ich will nicht die Frau sein, die das irgendwem kaputt macht.“
Mir war, als hätte jemand alle Register gleichzeitig gezogen.
„Ich überlege dasselbe“, sagte ich. „Schon seit einer halben Stunde.“
„Warum hast du es nicht gemacht?“
„Weil ich dich nicht überrumpeln wollte. Auf einem Gang. Mitten in der Nacht. In einem Zug, aus dem du nicht aussteigen kannst.“
Sie sah mich lange an. Dann stellte sie den Becher auf die schmale Fensterbank und legte mir die Hand an die Wange. „Ich kann jederzeit in mein Abteil gehen und abschließen“, sagte sie. „Das weiß ich. Und genau deshalb will ich, dass du mich jetzt küsst.“
Der erste Kuss war vorsichtig, beinahe höflich, mit Wein auf den Lippen. Der zweite nicht mehr. Ich spürte, wie sie sich gegen mich lehnte, wie ihre Finger sich in meinen Pullover krallten, wie sie leise in meinen Mund seufzte. Ich legte die Hände an ihre Taille, unter den großen Wollpullover, und fand warme Haut und darunter nichts als ein dünnes Top. Sie zitterte, und es war nicht die Kälte.
Irgendwo weiter hinten ging eine Abteiltür auf. Wir fuhren auseinander wie zwei Ertappte und lachten wieder. Schritte, eine Toilettentür, Stille.
„Ich habe ein Einzelabteil“, flüsterte ich. „Gleich da vorne. Mit einer Tür, die abschließt.“
„Ich auch. Drei Türen weiter.“ Sie grinste. „Aber deins ist näher.“
„Ist das ein Ja?“
Sie nahm meine Hand. „Das ist ein Ja. Und wenn mir drinnen etwas nicht gefällt, sage ich es dir.“
„Versprochen?“
„Versprochen. Und du mir auch.“
Ein Schlafwagenabteil ist nicht für zwei gemacht. Es ist kaum breiter als das Bett, das quer darin steht, mit einem schmalen Streifen Boden davor, einem Klapptisch, einem Spiegel und einem Fenster, an dem der Regen in Bächen herunterlief. Ich schloss die Tür ab und hörte, wie Ilka hinter mir leise lachte.
„Das ist ja winzig.“
„Ich hatte dich gewarnt.“
„Nein, hattest du nicht.“ Sie zog sich den Pullover über den Kopf, und der Knoten löste sich dabei ganz, und ihre Haare fielen ihr über die Schultern. Darunter trug sie ein schwarzes Top mit dünnen Trägern, und ich sah, wie hart ihre Nippel sich durch den Stoff abzeichneten. „Aber ich mag winzig. Da kann keiner weglaufen.“
Ich schaltete das große Licht aus und ließ nur die kleine Leselampe über dem Kopfende brennen. Ein goldener Kreis auf dem weißen Laken, der Rest im Halbdunkel. Draußen rauschte der Sturm, drinnen war es plötzlich ganz still.
Ich zog sie an mich und küsste ihren Hals, die Stelle unter dem Ohr, die Schulter, an der der Träger lag. Ich schob ihn mit den Lippen beiseite. Sie atmete scharf ein und griff in meine Haare.
„Mehr davon“, murmelte sie.
Ich streifte ihr das Top ab. Ihre Brüste waren klein und fest, und als ich sie in die Hände nahm und mit den Daumen über die Nippel strich, legte sie den Kopf in den Nacken und stieß mit dem Hinterkopf gegen die Gepäckablage. „Au. Verdammter Zug.“
„Soll ich aufhören?“
„Wag es nicht.“
Sie zog mir den Pullover und das T-Shirt aus, ungeduldig, und ließ ihre Hände über meine Brust wandern, über meinen Bauch, bis zum Bund meiner Jogginghose. Sie sah mich an, eine Frage im Blick, und ich nickte. Dann schob sie die Hose nach unten, und ich spürte ihre kühlen Finger um meinen Schwanz, der so hart war, dass es fast wehtat. Sie streichelte mich langsam, von unten nach oben, und lächelte dabei, als würde sie ein Geheimnis kennen.
„Du zitterst“, sagte sie.
„Das ist der Zug.“
„Der Zug steht, Daniel.“
Ich lachte und zog sie mit mir auf das schmale Bett. Es knarrte empört. Wir lagen eng aneinander, weil es gar nicht anders ging, und ich schob ihr die weiche Schlafhose über die Hüften und den Slip gleich mit. Im Lichtkreis der Leselampe sah ich ihren Bauch, ihre Hüftknochen, das dunkle, kurze Haar zwischen ihren Schenkeln. Ich küsste mich langsam nach unten.
„Daniel …“
„Sag mir, wenn ich falsch stimme.“
Sie lachte atemlos. „Das ist der schlechteste Spruch, den ich je gehört habe.“
„Aber er stimmt.“
Ich legte meinen Mund auf sie, und sie hörte auf zu lachen. Sie war warm und nass und schmeckte ein wenig nach Salz und nach ihr, und ich ließ mir Zeit. Ich hörte ihr zu, wirklich, so wie ich einer Pfeife zuhöre, die ich stimme. Wenn ich mit der Zunge um ihren Kitzler kreiste, wurde ihr Atem flacher. Wenn ich direkt darüber strich, zuckten ihre Hüften. Wenn ich innehielt, drückte sie mir ungeduldig die Ferse in den Rücken. Ich nahm zwei Finger dazu, glitt langsam in sie hinein, krümmte sie, und sie biss sich in den eigenen Handrücken, um nicht laut zu werden.
„Die Wände“, keuchte sie. „Die sind aus Pappe.“
„Dann musst du leise sein.“
„Das ist gemein.“
„Soll ich aufhören?“
„Wenn du aufhörst, schreie ich wirklich.“
Draußen fuhr wieder eine Böe gegen den Wagen, und er schwankte, und im selben Moment kam sie. Ihr ganzer Körper spannte sich, die Schenkel drückten gegen meinen Kopf, und sie presste sich das Kissen aufs Gesicht und stöhnte hinein, lang und tief und zitternd. Ich hielt sie, bis es vorbei war, und küsste die Innenseite ihres Oberschenkels, während ihr Atem langsam ruhiger wurde.
Als sie das Kissen wegzog, waren ihre Wangen rot und ihre Augen glänzten.
„Okay“, sagte sie. „Orgelbauer. Ich verstehe jetzt.“
Sie zog mich zu sich nach oben und küsste mich, schmeckte sich selbst auf meinen Lippen und lächelte in den Kuss hinein. Dann griff sie über mich hinweg nach ihrem Pullover, der auf dem Klapptisch lag, und kramte in der Kängurutasche.
„Ich hatte nicht vor, das zu brauchen“, sagte sie und hielt ein Kondom hoch. „Meine Schwester hat es mir vor der Abfahrt reingesteckt. Sie hat gesagt, Nachtzüge sind romantisch.“
„Erinnere mich daran, deiner Schwester eine Karte zu schreiben.“
Sie riss die Packung auf und rollte es mir selbst über, langsam, mit einem konzentrierten kleinen Stirnrunzeln, das mich fast mehr erregte als alles andere. Dann drückte sie mich auf den Rücken, stieß dabei mit dem Ellbogen gegen das Fenster, fluchte, lachte, und setzte sich auf mich.
Sie nahm mich ganz langsam in sich auf. Ich sah ihr dabei ins Gesicht, und sie sah mich an, und keiner von uns sagte etwas. Sie war eng und heiß, und als sie ganz auf mir saß, schloss sie kurz die Augen und atmete aus, als wäre sie nach langer Fahrt angekommen.
„Gut?“, fragte ich.
„Sehr gut. Und du?“
„Ich glaube, ich habe vergessen, wie man redet.“
Sie begann sich zu bewegen. Erst langsam, mit kleinen, kreisenden Hüftbewegungen, die Hände auf meiner Brust abgestützt, die Haare nach vorn gefallen wie ein Vorhang. Im Licht der Leselampe sah ich, wie mein Schwanz in ihr verschwand und wieder auftauchte, nass glänzend, und hörte das leise Klatschen unserer Haut, das Knarren des Bettes, den Regen. Ich fasste ihre Hüften, nicht um zu führen, nur um sie zu spüren.
Dann ruckte der Zug.
Ein langer, metallischer Stoß ging durch den Wagen, die Bremsen lösten sich zischend, und ganz langsam, fast unmerklich, setzten wir uns in Bewegung. Ilka hielt inne und sah zum Fenster, wo der schwarze Waldrand langsam vorüberzuziehen begann.
„Wir fahren“, flüsterte sie.
„Wir fahren“, sagte ich.
Sie lachte, dieses tiefe, warme Lachen, und begann wieder, sich zu bewegen, diesmal im Takt der Schienen. Ta-tamm. Ta-tamm. Die Stöße kamen von ganz allein, der Zug wiegte uns, und ich kam ihr von unten entgegen, tiefer, fester. Sie beugte sich vor, bis ihre Brüste meine Brust streiften, und küsste mich, und ich legte eine Hand zwischen uns und fand ihren Kitzler mit dem Daumen.
„Ja“, keuchte sie an meinem Mund. „Genau da. Hör nicht auf.“
Ich hörte nicht auf. Der Zug wurde schneller, und wir wurden schneller, und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, drehte uns herum, so gut das in diesem lächerlich schmalen Bett ging, und sie schlang die Beine um meine Hüften und zog mich tief in sich hinein. Ich stieß in sie, im Rhythmus der Schienen, und sie sah mich dabei an, die Lippen geöffnet, die Augen dunkel.
„Ich komme gleich wieder“, flüsterte sie, fast erstaunt.
„Dann komm.“
Sie kam mit meinem Namen auf den Lippen, kaum lauter als ein Atemzug, und ihre Muskeln zogen sich so fest um mich zusammen, dass ich nicht mehr zurück konnte. Ich vergrub das Gesicht in ihren Haaren und kam in langen, heftigen Stößen, während draußen die Signale an uns vorüberblitzten, rot, grün, rot.
Danach lagen wir einfach da. Ineinander verkeilt, verschwitzt, mein Arm unter ihrem Nacken eingeschlafen, ihr Knie irgendwo an der Abteilwand. Der Zug fuhr gleichmäßig, die Leselampe brannte, und Ilka zeichnete mit dem Finger kleine Kreise auf meine Brust.
„Was machst du?“
„Ich entwerfe ein Bühnenbild“, sagte sie. „Ein Schlafwagenabteil. Für eine Oper, in der nichts passiert außer zwei Menschen, die sich nachts im Sturm treffen.“
„Klingt nach einer kurzen Oper.“
„Drei Akte“, sagte sie. „Der Gang. Das Abteil. Und das Frühstück.“
„Gibt es ein Frühstück?“
Sie hob den Kopf und sah mich an. „Kommt drauf an, ob du mich zu einem einlädst.“
Der Zug erreichte Wien mit zweieinhalb Stunden Verspätung. Wir hatten noch ein bisschen geschlafen, eng aneinandergedrückt, und waren aufgewacht, als die Sonne über die Weinberge vor der Stadt kroch. Ilka war im Morgengrauen barfuß in ihr eigenes Abteil zurückgeschlichen, um sich anzuziehen, und als ich auf den Bahnsteig trat, stand sie schon dort, mit einem Rollkoffer und einem breiten Grinsen.
Der Schaffner mit dem grauen Schnurrbart stieg hinter uns aus. Er sah von ihr zu mir und tippte sich an die Mütze.
„Hoffe, die Herrschaften haben trotz Sturm gut geschlafen.“
„Ausgezeichnet“, sagte Ilka, ohne rot zu werden. „Beste Nacht seit Jahren.“
Wir frühstückten in einem Café gegenüber vom Bahnhof, Melange und Semmeln und weiche Eier, und sie zeichnete auf eine Serviette ein Schlafwagenabteil im Querschnitt, mit zwei Strichmännchen auf einem viel zu schmalen Bett. Sie schob mir die Serviette über den Tisch.
„Die Orgel“, sagte sie. „Wie lange brauchst du dafür?“
„Zwei Wochen. Vielleicht drei.“
„Meine Oper hat in drei Wochen Premiere.“ Sie schrieb eine Telefonnummer unter die Zeichnung. „Und ich fahre mit dem Nachtzug zurück.“
Ich faltete die Serviette zusammen und steckte sie in die Innentasche meiner Jacke, direkt über dem Herzen, wo sie mich die ganzen drei Wochen über jedes Mal knisternd daran erinnerte, dass manche Verspätungen das Beste sind, was einem passieren kann.
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